Auswirkungen des Klimawandels auf den Bereich Gesamtwirtschaft im Ostseeraum (Baltic Sea Region - BSR)

Die Möglichkeit, zukünftige Prognosen für die Industrie, Siedlungen und die Gesellschaft zu erstellen sind durch unsichere Prognosen im Hinblick auf sozioökonomische Entwicklungen sowie technologische und institutionelle Veränderungen begrenzt (IPCC, 2007a). Bisher lag der Schwerpunkt der Forschung daher eher auf der Verwundbarkeit gegenüber den Auswirkungen als auf Versuchen, die Auswirkungen des Klimawandels zu prognostizieren (ebenda). Darüber hinaus gibt es nur wenige Studien über die Auswirkungen des Klimawandels auf den Bereich Wirtschaft (Wei und Aaheim, 2010). Dies könnte zum einen an den Unsicherheiten hinsichtlich der Folgen des Klimawandels liegen, zum anderen aber auch an der Schwierigkeit einer quantitativen Bestimmung der Auswirkungen für den Bereich Wirtschaft und dem hohen Zeitaufwand für die Entwicklung angemessener Hilfsmittel (ebenda). Es konnte dennoch eine Reihe von Studien für diese Zusammenstellung ermittelt werden, die sich mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP), dem Bruttosozialprodukt (BSP), der Weltwirtschaft nach Wirtschaftsbereichen und dem Tourismus befassen (van der Linden und Mitchell, 2009; Swedish Commission on Climate and Vulnerability, 2007; Wei und Aaheim, 2010; EEA, 2008).

Die Zusammenfassung der Auswirkungen auf den Bereich Gesamtwirtschaft wird in Tabelle 1 dargestellt. Um weiterführende Informationen zu jedem Unterabschnitt und zu bestimmten Studien zu erhalten, klicken Sie bitte auf die Links unterhalb der Tabelle. Tipps, wie Sie die in der Tabelle enthaltenen Informationen interpretieren, finden Sie im schwedischen Beispiel auf der rechten Seite (in Englisch).

Tabelle 1. Die Auswirkungen des Klimawandels auf den Bereich Gesamtwirtschaft in den Ländern des Projektes BalticClimate – Eine Zusammenfassung der allgemeinen Prognosen für die ermittelten Auswirkungsszenarien auf Basis verschiedener wissenschaftlicher Studien
(↑↑ Deutlicher Anstieg; ↑ Leichter Anstieg; ↓↓ Deutlicher Rückgang; ↓ Leichter Rückgang; ○ Keine oder unwesentliche Veränderung; ~ Ergebnis sehr unsicher; ~↑ Ergebnis unsicher, Tendenz steigend; ~↓ Ergebnis unsicher, Tendenz fallend; ─ Nicht in der Analyse enthalten) 

Auswirkungen des Klimawandels auf:

SWE

FIN

EST

LAT

LIT

RU

GER

Bruttosozialprodukt (BSP)
Sommertourismus ↑↑ ↑↑ ↑↑ ↑↑ ↑↑ ↓ 

Weiterführende Informationen zu den Auswirkungsszenarien, zusammengestellt aus verschiedenen wissenschaftlichen Studien, finden Sie in folgenden Unterabschnitten:

Entwicklung des Bruttosozialpoduktes (BSP) (Schweden)
Auswirkungen auf das Bruttoinlandprodukt (BIP) (global)
Weltwirtschaft nach Wirtschaftsbereich 
Tourismus (Europa)

 

Entwicklung des Bruttosozialproduktes (BSP) (Schweden)

Bei dem Modell EMEC (Environmental Medium Term Economic mode model) handelt es sich um ein allgemeines Gleichgewichtsmodell für die schwedische Wirtschaft, das verwendet wurde, um die Entwicklung des BSPs in Schweden zu simulieren (Östblom et al., 2007). In dem Modell findet eine Interaktion zwischen Umwelt und Wirtschaft statt. Dadurch ist es möglich, die wirtschaftlichen Auswirkungen der unterschiedlichen umweltpolitischen Maßnahmen zu analysieren. Wirtschaftsszenarien, die auf den regionalisierten Szenarien SRES und den Ergebnissen des Nationalen Instituts für Wirtschaftsforschung (National Institute of Economic Research) beruhen, stellen die Entwicklung des BSPs in Schweden bis zum Jahr 2025 dar (Abbildung 1).

 Das BSP soll bis zum Jahr 2025 laut allen Emissionsszenarien ansteigen. Zwischen den unterschiedlichen Emissionsszenarien lassen sich bis zum Jahr 2025 keine wesentlichen Unterschiede erkennen. Jedoch gibt es ab dem Jahr 2050 je nach Emissionsszenario große Unterschiede bei der Entwicklung des BSPs (Swedish Commission on Climate and Vulnerability, 2007). Eine allgemeine Projektion der Entwicklung des BSPs in Schweden wird in Tabelle 2 dargestellt. Sie beruht auf den Ergebnissen eines Berichts der Swedish Commission on Climate and Vulnerability (2007).

 Abbildung 1. Prognostiziertes BSP in Schweden bis zum Jahr 2025 zusammen mit den Emissionsszenarien SRES (Abb. 4.56 in Swedish Commission on Climate and Vulnerability (2007) . Die Prognose beruht auf den Daten aus CIESIN (2002) und Berechnungen in Östblom (2007)). 

Tabelle 2. Allgemeine Prognose für das BSP im Hinblick auf den Klimawandel
(↑ Leichter Anstieg; ─ Nicht in der Analyse enthalten)

  SWE FIN EST LAT LIT RU GER
Veränderung ─ 

Zurück zur Liste der Unterabschnitte

 

Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) (global)

Eine Untersuchung der sozioökonomischen Reaktionen auf eine Reihe von Klimaschocks ist im Hinblick auf das Projekt ENSEMBLES (2009) durchgeführt worden. Dazu wurde das sog. "Indirect or Higher-Order Costing"-Verfahren angewandt. Dieses Verfahren bildet die Auswirkungen des Klimawandels auf die Wirtschaftssysteme und die wiederum ausgelösten sozioökonomischen Reaktionen nach. Es stellt die Interaktion auf den Märkten der Weltwirtschaft durch den Austausch von Investitionen, Gütern und Dienstleistungen dar, indem es auf die Änderungen relativer Preise durch Klimaschocks reagiert, die durch einen Temperaturanstieg ausgelöst wurden. Das sog. Intertemporal Computable Equilibrium System (ICES), ein rekursives dynamisches Gleichgewichtsmodell wurde in den Analysen angewandt.

Die Klimaschocks wurden unter der Annahme eines Temperaturanstiegs von 1,2 °C im Jahr 2050 gegenüber dem Vergleichsjahr 2001 (im Einklang mit dem Szenario SRES A2) berechnet. Die Klimaschocks wurden durch die Anwendung der “Extrapolation und Meta-Analyse der zur Verfügung stehenden Literatur zur Eingabe in formreduzierte Module, die Temperaturänderungen und physikalische Auswirkungen verbinden” gewonnen (van der Linden und Mitchell, 2009, S. 132). Das Ergebnis umfasst alle Regionen der Welt, in denen Osteuropa und die ehemalige Sowjetunion sowie Westeuropa (EU) hinsichtlich des Ostseeraumes von Interesse sind (Tabelle 3).

Tabelle 3. Auswirkungen des Klimawandels, Berechnungen anhand von Schnittstellenmodulen zu ökologischen Auswirkungen (Tabelle 10.1 in van der Linden und Mitchell (2009))

Klimaschocks für einen Temperaturanstieg um 1,2 ºC (2050)
Prozentuale Veränderung gegenüber 2001

Region Gesundheit Landwirtschaft (landwirtschaftliche Produktivität) Anstieg des Meeresspiegels
  Arbeitskräfte
Prod.
Öffentlich
Exp.
Privat
Exp.
Weizen Reis Getreide
Kulturen
Landverlust
USA -0.002 -0.196 -0.022 1.650 1.277 -2.190 0.026
Westeuropa 0.082 -0.390 -0.015 0.951 1.858 -1.577 0.015
Osteuropa und ehemalige Sowjetunion 0.104 -0.417 -0.009 5.027 2.784 -1.258 0.008
Japan 0.085 0.043 0.001 0.298 0.996 -2.297 0.073
Restliche Länder aus dem Anhang I 0.097 -0.264 -0.013 10.909 7.938 4.694 0.003
Energieexportländer -0.243 1.307 0.080 4.351 3.525 0.726 0.067
China und Indien 0.025 -0.078 -0.001 5.227 3.802 0.692 0.040
Rest der Welt -0.190 1.019 0.094 -1.239 -1.451 -4.197 0.104

Klimaschocks für einen Temperaturanstieg um 1,2 ºC (2050) (fortgesetzt)
Prozentuale Veränderung gegenüber 2001

Region Tourismus Energiebedarf
  Nachfrage Einkommen
Transfers*
Kohle Erdgas Ölprodukte Elektrizität
USA -0.82 -68,327.92 104.85 -34.39 -3.15 -2.52
Westeuropa 1.08 72,024.59 71.17 -17.78 -18.98 -9.08
Osteuropa und ehemalige Sowjetunion -2.34 -11,578.35 98.26 -32.81 -3.03 -0.56
Japan 7.87 281,252.04 99.25 -31.95 -2.71 0.06
Restliche Länder aus dem Anhang I 0.95 11,314.12 14.43 -23.18 -9.68 -10.96
Energieexportländer -5.11 -142,800.34 1.28 0.00 -2.03 6.35
China und Indien -1.27 -6,394.80 64.55 -23.20 -2.06 5.98
Rest der Welt -5.13 -135,489.36 50.13 0.00 -2.55 64.69

* in Millionen US$ für 2001

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Klimaschocks in Tabelle 3 werden in Abbildung 2 dargestellt. In Osteuropa wirkt sich der Klimawandel auf das BIP gemäß der durchschnittlichen globalen Entwicklung aus. Die Entwicklung ist bis zu den 2030ern stabil und geht anschließend um ca. -0,2% in den 2050ern zurück. Der Klimawandel soll sich in Westeuropa auf das BIP bis zu den 2050ern nur unwesentlich auswirken.
 

Abbildung 2. Simulierte makroregionale BIP-Veränderung aufgrund der Auswirkungen des Klimawandels.
USA - Vereinigte Staaten von Amerika; EU - Westeuropa; EEFSU - Osteuropa und ehemalige Sowjetunion; JPN - Japan; RoA1 - Restliche Länder aus dem Anhang I; EEx - Energieexportländer; CHIND - China und Indien; RoW - Rest der Welt (Abb. 10.3 in van der Linden und Mitchell (2009)) (Klicken Sie auf die Abbildung, um eine größere Abbildung zu erhalten)

Zurück zur Liste der Unterabschnitte

 

Weltwirtschaft nach Wirtschaftsbereich

Wei und Aaheim (2010) haben die Auswirkungen des Klimawandels auf die Weltwirtschaft untersucht. Ziel war es, die wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimaszenarios E1 auf die Weltwirtschaft zu beurteilen. Das Klimaszenario E1 entspricht einem Temperaturanstieg von +2 °C im Jahr 2100 und wurde für das Projekt ENSEMBLES (2009) entwickelt. Das allgemeine Gleichgewichtsmodell GRACE wurde in dieser Studie eingesetzt. Die Auswirkungen des Klimawandels auf bestimmte Aktivitäten, wie zum Beispiel auf den Ertrag des Bodens in der Land- und Forstwirtschaft, den Ertrag der Meere in der Fischerei oder die Nachfrage für Heizenergie werden mit diesem allgemeinen Gleichgewichtsmodell nachgebildet. GRACE berücksichtigt acht Regionen und elf Wirtschaftbereiche. Europa ist eine dieser Regionen. 

Die GRACE-Modellierung zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die Wirtschaft beruhte auf neun Auswirkungsfunktionen. Umgekehrt werden in den meisten integrierten Modellen alle Auswirkungen zu einer Beurteilung zusammengefasst. Alle Auswirkungen werden durch eine Schadenskostenfunktion dargestellt. Der Abgleich der neun Auswirkungsfunktionen beruhte auf den Darstellungen in mehreren Studien. 

Zur Erstellung eines Vergleichsszenarios wurde der Durchschnitt der 10 GCMs, die auf dem Szenario E1 beruhen, nachgebildet und nicht die Auswirkungen des Klimawandels. Anschließend wurden die neun Auswirkungsfunktionen in dem Versuch umgesetzt und führten zu Auswirkungsszenarien.

Wei und Aaheim (2010) wiesen darauf hin, dass das Ergebnis ihres Berichts darstellt, wie die Wirtschaft betroffen sein könnte, sollten die direkten Auswirkungen eher als die neun Auswirkungsfunktionen beschrieben werden als die tatsächlichen Auswirkungen des Klimawandels.

Abbildung 3 zeigt die Preisänderungen zwischen dem Auswirkungsszenario und dem Vergleichsszenario nach Wirtschaftsbereich und Region für den Zeitraum 2010-2100 für ganz Europa und Russland. Für den Ostseeraum kann kein spezifisches Ergebnis abgeleitet werden, da eine makroregionale Modellierung vorgenommen wurde.

 

Abbildung 3. Preisänderungen (%) zwischen den Vergleichs- und Auswirkungsszenarien für 2010-2100 (Abb. 4 in Wei und Aaheim (2010)) (Klicken Sie auf die Abbildung, um eine größere Abbildung zu erhalten)

Zurück zur Liste der Unterabschnitte

 

Tourismus (Europa)

Die Auswirkungen des Klimawandels auf den Sommertourismus in Europa sind im sog. PESETA (2007)-Projekt untersucht worden. Der sog. Tourism Climate Index (TCI) wurde verwendet, um die klimatische Eignung für den Sommertourismus in Europa zu bewerten. Temperatur, Feuchtigkeit, Sonnenschein, Regen und Wind wurden im TCI berücksichtigt. Bei den verwendeten Klimadaten handelte es sich um monatliche Daten für die Zeiträume 1961-1990 und 2071-2100 (berechnet mit zwei regionalen Klimamodellen). Das Klimamodell HIRHAM beruht auf HadAM3H A2, während das Klimamodell RCAO auf ECHAM4 A2 beruht. Die Klimaszenarien wurden verwendet, um die TCI-Werte zu berechnen und die TCIs wurden wiederum je nach Jahreszeit zusammengefasst (PESETA, 2007).

Die erwarteten Bedingungen für den Sommertourismus sind in Abbildung 4 abgebildet. Laut dieser Studie sind die gegenwärtigen Bedingungen in den meisten Regionen der BSR für den Sommertourismus sehr gut. Allerdings sollen sich die Bedingungen in Zukunft sogar noch verbessern. Die Projektionen für die Zukunft zeigten, dass es mehr Regionen mit ausgezeichneten Bedingungen geben wird und dass sich die Bedingungen in vielen nördlichen Regionen mit gegenwärtig akzeptablen oder guten Bedingungen sehr stark verbessern werden. Eine allgemeine Projektion des zukünftigen Sommertourismus in der BSR wird in Tabelle 4 dargestellt. Sie beruht auf den Ergebnissen der EEA (2008).

 

Abbildung 4. Prognostizierte Bedingungen für den Sommertourismus in Europa für die Zeiträume 1961-1990 und 2071-2100 (Karte 7.6 in EEA (2008)) (klicken Sie zur vergrößerten Darstellung auf die Abbildung)

Tabelle 4. Allgemeine Prognose für den sog. Summer Tourism Comfort Index
(↑↑ Deutlicher Anstieg ↑ Leichter Anstieg; ↓ Leichter Rückgang) 

  SWE FIN EST LAT LIT RU GER
Veränderung ↑↑ ↑↑ ↑↑ ↑↑ ↑↑ ↓ 

Zurück zur Liste der Unterabschnitte


Sehen Sie sich die Auswirkungen auf andere Bereiche an:

» Landwirtschaft
» Energie
» Wohnen/Bauen und Wasser
» Forstwirtschaft
» Gesundheit
» Natürliche Umwelt